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etwas bewegen

(Veröffentlicht im Fotoband „Theater und Fotografie. Internationales Freies Theater. Persönlich. Politisch Poetisch“ von Bernd Uhlig)


Es sind nicht so sehr

die großen Momente,

die des Rufens, Lachens, Pfeifens, Staunens,

des enthusiastischen Klatschens und Raunens.

Oft sind es vielmehr

die kleinen Momente.


Ein Augenblick im Publikum,

eine leise Sekunde – still, doch nicht stumm –
in der kein einziger Stuhl mehr knarrt,

keine Sohle über den Boden scharrt, 

der Atem stockt für kurze Zeit,

doch lang wie eine Ewigkeit,

in der jedes Wort auf der Zunge zergeht,

noch bevor sich der schwatzhafte Mund untersteht,

diese Stille mit Sprechen zu brechen.


Ein Augenblick,

in dem kein Laut mehr zur Bühne dringt,

in dem das Herz einen Schlag überspringt 

und der Puls einen Takt lang nicht pulsiert,

kein Gedanke mehr das Geseh’ne verziert, 

kein Kopf versucht, alles abzurunden.


In diesen Momenten, den leisen Sekunden,

in denen das Schweigen Bände spricht
und sichtbar wird im Rampenlicht,

in denen das Nichts so viel bedeutet, 

weil manche verkrustete Seele sich häutet,

hat sich etwas bewegt.