Portfolio reader Gedichte

Prost, Waldemar!

(veröffentlicht im Sammelband für satirische und humoristische Versdichtung,
WILHELM-BUSCH-PREIS 2003)



Gold’ne Hochzeit, welch ein Jubel!

Doch Marie und Waldemar

feiern ohne Lärm und Trubel –

nur zu zweit, wie jedes Jahr.

Waldi hat es zwar vergessen,

hat die Gattin nicht beschenkt,

trotzdem gibt’s ein Festtagsessen,

das den Kummer schnell verdrängt.



Zauberhaft, fast wie im Märchen

ist die Stube dekoriert.

Auch die Tafel für das Pärchen

hat Mariechen hübsch verziert.

Blütenweiß die Spitzendecke,

Sträußchen von Vergissmeinnicht,

und im Silber der Bestecke

spiegelt sich das Kerzenlicht!



Schon beginnt Marie beizeiten

mit dem festlichen Menü,

scheut für feinste Köstlichkeiten

weder Zeit, noch Liebesmüh.
Schmort und schnippelt in der Küche,

brät die Zwiebeln, dann den Speck,

und ein Dunst der Wohlgerüche

kriecht ins kleinste Wohnungseck.



„Mach schon“, ruft ihr Angetrauter.

„bring das Essen auf den Tisch!“

„Komme!“ ruft Marie noch lauter.

„Gleich gibt’s deinen Lieblingsfisch!“

Lächelnd trägt sie die Terrin
e
in den strahlend schönen Raum,

füllt ihm auf mit heit’rer Miene,

doch ihr Gatte sieht sie kaum.



Statt zunächst einmal zu pusten,

schlürft er gierig das Gericht,

muss dann anfallsartig husten

und kriegt Pusteln im Gesicht.

„Viel zu heiß, die fade Speise!“

brüllt der greise Jubilar.

Doch Marie bleibt sanft und leise,

kennt das nun seit fünfzig Jahr’.



„Nimm den Wein und lösch das Feuer“,

rät sie ihm und reicht das Glas.

„Prost, auf all die Abenteuer

und noch fünfzig Jahre Spaß!“

Waldemar ergreift sein Gläschen,

das er hastig runterkippt,

spült und kühlt die Gaumenbläschen,

während sie nur zaghaft nippt.



Nach dem Süppchen mit Makrele

wird das Hauptgericht serviert,

denn Marie, die gute Seele,

hat schon alles arrangiert.

Füllt zwei würzige Portionen

auf das Meißner Porzellan

aus Kartoffeln, Fleisch und Bohnen

und dem Hauch von Majoran.



Sie kredenzt die Speisenplatte

und wünscht guten Appetit,

doch ihr heiß geliebter Gatte

mäkelt nur und wird rigid.

„Das Gemüse ist missraten!“

nörgelt er mit Vehemenz

und verhöhnt den Festtagsbraten

samt der Soßen-Konsistenz.



„Dieses Fleisch, so hart und trocken,

ohne Würze, ohne Saft,

schmeckt wie alte Baumwollsocken!“

wettert Waldi launenhaft.

Sein Mariechen, still und weise,

schenkt ihm noch ein Gläschen ein,

und er spült die trockne Speise

mit `nem achtel Liter Wein.



Plötzlich wirkt er wie befangen,

reißt die trüben Augen auf

und es röten sich die Wangen

wie nach einem Dauerlauf.

Ängstlich greift er nach dem Kragen,

öffnet eilig Knopf für Knopf,

denn ein arges Unbehagen

tobt im Magen wie im Kopf.



Jetzt verdreht er seine Augen,

öffnet hilflos seinen Schlund.

Schmatzen hört man ihn und saugen,

Speichel rinnt ihm aus dem Mund.

„Hilfe!“ möchte Waldi schreien,

doch der Arme röchelt bloß,

denn im Heer der Innereien

ist der wahre Teufel los.



Schon ergreift er beide Hände

seiner guten Frau Marie.

„Einen Arzt, es geht zu Ende“,

stöhnt er – flehend wie noch nie.

Sein Mariechen fragt ihn leise:

„Hat das Gift im Wein geschmeckt?“

und bestaunt in stummer Weise,

wie er jammervoll verreckt.



Endlich Frieden in der Wohnung,

denkt Marie nach fünfzig Jahr’.

Endlich, endlich die Belohnung,

endlich ohne Waldemar!

Der Gemahl hat Ruh’ gegeben,

endlich kein Gemäkel mehr,

und zum ersten Mal im Leben

schmeckt ihr Pudding zum Dessert.